Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

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Windkanter
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Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von Windkanter » 26.06.2019, 08:33

Hallo,

Meinen ersten selbstgebauten osman. Kompositbogen (Bambuskern) habe ich nun wenige Jahre geschossen, seit einiger Zeit beginnen sich im Hauptbiegebereich Sehnen (Hirsch) von der Oberfläche abzulösen. Die Ablösung erfolgt von den an die Oberfläche auslaufenden Sehnenenden her. Die bis ca. 1mm dicken, bis 3mm breiten und bis 35mm langen herausgelösten Sehnenzipfel stehen leicht ab. Anklebeversuche waren erfolglos und ich habe bis vor kurzem mit dem Bogen weitergeschossen. Das Phänomen geht weiter. Die Sehnen haben durch die Benutzung die typische weisslich-milchige Farbe an den biegenden Bereichen (Auszug 29,5“) bekommen.

Thema zum Bau dieses Bogens: https://www.fletchers-corner.de/viewtop ... 16&t=28888 Osmanischer Kompositbogen, mein erster 27. Juli 2016

Der Sehnenverlauf ist ungünstig, etwas wellig, Anfängerfehler. Um die Rückenseite schön glatt zu haben, hatte ich vor Inbetriebnahme die Sehnenschicht schön plangeschliffen (Kanten gerundet) und der Bogen hatte als Resultat eine etwas niedrige Zugkraft.

Mein Gedanke ist nun, die Lackierung von der Sehnenoberfläche zu entfernen, aufzurauhen und über 2-3 Tage hinweg anfeuchten. Dann möchte ich eine Sehnenlage (Strauss, Hasenhautleim) auftragen . Beim Trocknen möchte ich die Tips wieder mit Schnur leicht zusammenziehen, etwas weniger als beim Bau des Bogens.

Hat jemand Erfahrung mit der Thematik und kann etwas zum Auftragen der neuen Sehnenschicht sagen?

Viele Grüße
Windkanter

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Re: Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von Windkanter » 27.06.2019, 10:23

Hallo,
hier noch Fotos von den betroffenen Bereichen. Fotografiert nach Abtrag von Farbe und oberster dünner Leimschicht, deshalb ist die Oberfläche etwas grieselig und fein zerfranst.
Grüße
Windkanter
2016a_Sehnenablös_Jun19_obWA_01_FC.jpg
2016a_Sehnenablös_Jun19_untWA_01_FC1.jpg

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Re: Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von kra » 04.07.2019, 17:19

Hallo, das geht durchaus. Mit dem Anfeuchten würde ich aber vorsichtig machen, damit die Integrität der Sehnenlage nicht leidet.
Erst abschleifen, mit entfetten und evtl. verbliebene Firnis-Reste entfernen (noch mal mit Alkohol oder Aceton o.ä. abwaschen, gut durchtrocknen lassen), aufrauen -- bis dahin bist du bereits.
Ein feuchtes Tuch auflegen, bis die Oberfläche klebrig wird. Dann gut mit dünnem, heißem Hasenleim mehrfach grundieren und eine weitere Schicht Sehnen aufbringen. Je gleichmäßiger du das schaffst desto weniger wirst du nachtillern müssen. Und dann halt erstmal langsam trocknen lassen. Ich sehe da sehr gute Chancen für einen Erfolg.

Btw, den Bildern nach warst du zu "schwäbisch" ;-) und hast die wenig brauchbare Endstücke nicht abgeschnitten sondern verwendet.
“Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.”
– George Bernard Shaw

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Re: Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von Windkanter » 07.07.2019, 03:38

Hallo Kra,

danke.

Der Bogen trocknet nun schon einige Tage im kühlen Keller, ich habe die Sommerhitze draussen zum Sehnenauflegen ausgenützt. Vorgehen wie geplant, Harttrockenölreste mit Aceton (schädigt laut Karpowicz die Sehne nicht, löst Lack besser) entfernt und dann mit 60er abgeschmirgelt. Grundiert habe ich nur 1x. In 3-4 Monaten wissen wir mehr.

Zur Ursache:
Ja, wie Du sagst, "schwäbisch". Viele kommen ja mit den Hirschsehnen gut zurecht, ich habe das, was ich bekommen habe, als Zwerghirschsehnen bezeichnet, es war für mich eine rechte Fitzelei, aber diese Sehnensorte gibts wohl kaum länger. Es haben sich die dickeren Enden derjenigen Sehnenlage abgelöst, die auf dem Mittelstück liegt und überlappend auf dem Sehnenstück des Biegebereichs liegt. Vermutlich war der Abtrag der Sehne nach dem Trocknen (zum Einebnen der Oberfläche) zu viel. Das käme dem jetzigen Sehnenauftrag zugute, dann passt die Sehnenschichtdicke besser zur Horndicke, d.h. die Sehnenschichtdicke wird nicht überproportional zu hoch. Möglicherweise, aber das ist nur Vermutung, kommt hinzu, daß ich nach Sehnentrocknung am Mittelstückende, d.h. am Griffende, sehr stramm mit hasenhautleimgetränktem Hanfgarn umwickelt habe. Dadurch konnte ev. beim Auszug kein "elastisches Nachwandern" der Sehnenschicht vom Mittelstück her erfolgen. Zusätzlich beginnt die tieferliegende, lange Sehnenschicht erst im Griffauslauf und war möglicherweise im Biegebereich, in dem auch die Ablösungen stattfanden, ev. noch zu dünn.

Schau mer mal, was sich im Herst tut. Die bisherige Sehnenlage ist ja schon stark vorgedehnt, im Gegensatz zur jetzigen neuen Lage. Das ist eine andere Situation, als wenn eine neue Sehnenlage auf eine ungedehnte alte Sehnenlage aufgetragen wird. Spekulation: möglicherweise ist dieses neue Sehnengesamtpaket nicht so leistungsfähig, als wenn ich dieses Paket gleich zu Anfang an, im "ungeschossenen" Zustand, aufgebaut hätte.

Ansonsten habe ich mal die - ich denke u.a. von Snake-Jo - propagierte Hosengummi-Methode (Umwickeln des frischen Sehnenauftrags ) mit Leintuchstreifen probiert: ist gute Methode, mit Hosengummi wohl noch besser. Anwendung gleich auf einen osmanischen Bambus-Sehnen-Komposit für meinen Sohn.

Viele Grüße
Windkanter

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Re: Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von Snake-Jo » 07.07.2019, 11:15

@Windkanter: Ich sehe das wie kra, würde aber konkret noch einen Schritt dazu geben:
- Alte Farbreste entfernen, abschleifen und entfetten
- alte Sehnenschicht, soweit zerstört, ebenfalls abschleifen
- mit nassem Tuch anfeuchten bis klebrig
- mit Stichsägeblatt aufrauen
- mehre dünne Schichten Leim mittels HPL eindringen lassen
- neue, lange Sehnenlage aufbringen und mit Hosengummi glätten
nochmals überschleifen mit 240er zu Glättung von Kanten und Nähten

Ich habe noch Hirschsehnen, ca 40-50 cm lang. Kannst du haben.

Ja, die alte Sehnenlage ist gedehnt, wird aber mit dem Anfeuchten, dem neuen Leim und der neuen Schicht stückweit wieder schrumpfen und Vorspannung erzeugen. Das Ganze ist reversibel. ;)

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Re: Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von kra » 07.07.2019, 18:38

Das "vorgedehnt" würde ich auch nicht überbewerten, Feuchtigkeit und Wärme tun das ihre. Sehne kann schon SEHR viel ab. Und das erneute durchtrocknen wird ebenfalls die Sehnen schrumpfen lassen. Die Integrität der Sehnenlage wird da nicht beeinträchtigt sein.
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Re: Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von Windkanter » 09.07.2019, 06:20

Hallo snake-Jo, Kra,

danke für die guten Tips. Ich war ja, wie gesagt, etwas schnell, weil ich draussen die Sommerhitze zum Sehnenauflegen nutzen wollte, na ja, vielleicht hätte ich Eure Tips abwarten sollen.

Im Nachhinein gesehen habe ich es weitgehend so gemacht, wie von Euch vorgeschlagen.

Abweichungen:

--Bei der alten Sehnenschicht haben sich nur einige größere Zipfel rausgelöst und noch Risse an weiteren Zipfelenden gebildet. Ich habe nur sehr wenig abgeschliffen (nur kräftiges Aufrauhen mit 60er Papier), weil ich dann ev. weitere Sehnenpartien schräg angeschnitten hätte, das Abschleifen hätte ev. nach und nach die gesamten WA´s betroffen. War da etwas unsicher .

----Angefeuchtet habe ich durch mehrmaliges Einpinseln mit reinem Wasser und dabei den Bogen leicht angespannt (Öffnen eventueller Risse). Dann in noch leicht nassem Zustand Umwickeln mit Frischhaltefolie, das Ganze habe ich über Nacht umwickelt ruhen lassen.

--Aufgerauht habe ich nach diesem Quellen nicht, da die alte Sehneschicht zwar etwas Wasser aufgenommen hat, aber noch recht fest war und ich wohl recht brachial hätte arbeiten müssen. Eine gewisse Rauhigkeit war vom anfänglichen trockenen Anschmirgeln da. War da unsicher. Hoffentlich war es kein Fehler.

Daß der Dehnprozess durch Anfeuchten etwas reversibel ist, wusste ich nicht. Das hieße ja auch, daß es richtig ist, wenn ich die Tips mit Schnur zusammenziehe, sogar stärker als geplant.

@Snake-Jo: Vielen Dank für das Sehnen-Angebot. Du hast da wohl eine gute Quelle, ev. andere Hirschart oder ganz ausgewachsene Tiere. Habe noch eine Menge Straussensehnen daliegen, die werde ich nicht so schnell aufbrauchen, weil ich ursprünglich (eigentlich !) nur 1 einzigen Kompositbogen für mich bauen wollte und nicht viel Zeit für den Bogenbau habe. Na ja, jetzt sind es schon 2 Horn-Holz-Sehnen-Komposits und dann noch einige immer stärkere Bambus-Sehnen-Komposits für meinen Sohn. Dieses Jahr starte ich wohl keine neuen Projekte mehr, allerdings liegt da seit 2017 noch ein unbearbeiteter Ahorn-Holzkern (3-teilig, 20mm dick) da, der beste bisher………

So ca. Oktober berichte ich, welches Resultat die Bogenreparatur gebracht hat.

Viele Grüße
Windkanter

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Re: Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von Snake-Jo » 09.07.2019, 10:09

Windkanter hat geschrieben:
09.07.2019, 06:20
--Aufgerauht habe ich nach diesem Quellen nicht, da die alte Sehneschicht zwar etwas Wasser aufgenommen hat, aber noch recht fest war und ich wohl recht brachial hätte arbeiten müssen. Eine gewisse Rauhigkeit war vom anfänglichen trockenen Anschmirgeln da. War da unsicher. Hoffentlich war es kein Fehler.

@Snake-Jo: Vielen Dank für das Sehnen-Angebot. Du hast da wohl eine gute Quelle, ev. andere Hirschart oder ganz ausgewachsene Tiere.
Es geht nur darum, die Oberfläche leicht aufzurauen, um die Bindung zu verbessern, bzw. der Leim eindringen kann. Also wirklich nur die äußeren feinen Fasern hochkommen lassen.

Ja, meine Sehnen sind vom ausgewachsenen Rothirsch, Hinterläufe. Mehr geht nicht.

Viel Erfolg,
Jo

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Re: Nachträglich auf benutzten Kompositbogen Sehnen auftragen ?

Beitrag von Windkanter » 14.04.2020, 18:12

Passt:
der Bogen hat jetzt 50# und schießt seit Monaten einwandfrei. Die Dicke der Hornauflage passt (noch) zu der Sehnenlage, da ich beim ursprünglichen Bau durch Einebnung der getrockneten welligen Sehnenoberfläche bis ca. 1mm Sehnenschicht-Abtrag hatte.


Nachtrag zur Fehleranalyse (nochmal alte Aufzeichnungen, alle Fotos gesichtet, überlegt):

---Das von Kra genannte zu kurze Abschneiden der Sehnenenden trifft zum kleineren Teil zu. 4mm mehr abgeschnitten und vor allem nicht über mehrere Einzelstränge hinweg gleichlang wäre besser gewesen.
--Hauptursache ist vermutlich, daß ich die Sehnenbündel in 10%igem Hasenhautleim eingeweicht habe und dann beim Auskämmen auf flacher Unterlage 20%igen Leim nur aufgeträufelt habe. Dadurch wohl Leimgehalt zu gering, Leim zu dünn. Nach kräftigem Abstreifen des überschüssigen Leims verblieb nur wenig des zu dünnen Leims zwischen den einzelnen Sehnensträngen, nach Trocknung war der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Sehnensträngen so vermutlich grenzlagig. Wegen dem leicht welligen Sehnenauflegen (überlappend) und dem stärkeren Abschleifen der Sehnenlagen-Oberflache nach Trocknung sind die Gipfel der „Sehnenberge“ fast oder ganz durchgeschliffen worden. Das Schadensbild lässt ja entsprechend auch abgelöste, flach und mehr oder weniger spitz zulaufende Sehnenstränge erkennen. Es könnte sein, daß sich dann solche „Sehnenzipfel“, weil nicht gut mit dem Untergrund verbunden, leichter aus dem Verband herauslösen. Wie gesagt, dies ist meine Vermutung.
--Wenn diese Vermutung zutrifft, wäre die Verbesserung: Sehnenbündel vor Auflage gründlich in 20%igem Leim baden und die fertig aufgelegte warme weiche Sehnenschicht gründlicher zu glätten (z.B. die bekannte Gummibandumwicklung) oder leicht erhabene Sehneneinzelstränge später zu akzeptieren (und nicht abschleifen). Was zusätzlich helfen dürfte, wäre ein Aufkleben von Leder, Birkenrinde etc. auf die Sehnenschicht. Einzelne Sehnenzipfel lösen sich so weniger leicht aus dem Verbund.


Nun zur Vorgehensweise bei der „Nacharbeit“:

--Die Vorbereitung der alten Sehnenschicht wurde bereits beschrieben. Ebenso teilweise die Technik der Auflage.

---Sehnenauflage pro WA ca. 20g Straussensehne, acetonentfettet. Wenige Minuten einweichen in 10%igem Leim, dann mehrfach sehr gründlich durchkneten und durchstreichen mit 20% igem Leim. Gründlich abstreifen, auf Alu-Profil (eloxiert !) ausstreichen/kämmen, leicht angelieren lassen, Alu-Profil von unten schnell erwärmen, Sehnenstreifen abziehen und auf Bogen auflegen. Die Auflage erfolgte jeweils in 1 zusammenhängenden Sehnenpaket (unterschiedlich lange Sehneneinzelstränge!) und auslaufend etwa bis zur Kasan-Mitte. Die Siyahs erschienen mir genug belegt und wurden nicht weiter beschwert. WA-Kanten wurden teilweise nachträglich mit dünnen Sehnensträngen belegt.

--Momentan ist die nur sehr leicht angeschmirgelte Sehnenschicht dünn mit Leim und dann mit Kremer Harttrockenöl überlackiert, ich überlege ob ich noch eine dünne Lederauflage aufklebe, die dann mit Leinöl/Harttrockenöl imprägniert wird. Muss dann den hübschen Bogen halt völlig neu bemalen.

Vielen Dank nochmal für die guten Tips.

Grüße
Windkanter

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