Sehnenwachs Herstellung

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klaus1962
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Sehnenwachs Herstellung

Beitrag von klaus1962 » 31.05.2010, 12:41

Ich weiß, es lohnt sich nicht Sehenwachs selber herzustellen. Schließlich kostet so ein Stift nicht die Welt und man kommt lange damit aus.

Aber wie bei Vielem, bin ich ziemlich neugierig und möchte manchmal selber etwas zu Stande bringen, und wenn’s nur Sehnenwachs ist. Darum ein kleiner WE-Erfahrungsbericht.

Nach reichlichen Recherchen habe ich die Zutaten festgelegt und beschafft. Wobei mir wichtig war, absolut nichts zu kaufen.

Die Anforderungen ans Wachs:
Es soll relativ weich sein … wird durch Zugabe von Öl erzielt
Es soll zäh und ein wenig klebrig sein … wird Zugabe einer "Klebekomponente" erzielt.

Die Zutaten:
Das Bienenwachs (10 Teile):
Ist schon relativ weich. Wenn man ,wie ich, die Kerzen die so übers Jahr anfallen, sammelt, hat man sicher auch ein paar echte (die honigbraunen) Bienenwachskerzen zu Hause. Ansonsten bei Freunden und Bekannten oder in einer Imkerei fragen.
Das Öl (1 Teil):
In diversen Rezepten ist immer von Terpentinöl die Rede. Da ich keines zu Hause hatte, weil ich dafür ansonsten keine Verwendung habe, war ein Speiseöl meine Wahl.
Es wurde meist auch Sonnenblumenöl erwähnt, aber wahrscheinlich funzt ohnehin fast jedes. Ich habe letztendlich Olivenöl genommen. (Sonnenblume war aus und das Walnußöl hat meine Frau nicht genehmigt, weil „zu kostbar“)
Die geheimnisvolle Klebkomponente (1 Teil):
In fast allen Rezepten die ich gefunden habe, war Kolophonium Bestandteil des Wachses. Ich wußte vorerst auch nicht, was das eigentlich ist. Nur, daß man es zu Löten (als Flußmittel) verwendet und im Musikinstrumentenhandel (für Geigenbögen) erhält. So ein Quatsch, ich geh doch nicht in einen Musikladen und erkläre denen wofür ich Kolophonium brauche.
Also weiter forschen. Wikipedia macht’s möglich. Dadurch fand ich heraus, daß das K letztendlich der „kristalline“ Rest von Nadelbaumharzen ist, aus denen man die ätherischen Öle herausdestilliert hat. Also warum nicht gleich direkt Baumharz nehmen. Nachdem ich eine 1/4Std im Garten die Schwarzkiefern und Fichten (siehe Foto) abgeklappert hatte, konnte ich mit einem Joghurtbecher voll Harzbrösel in die Werkstatt zurückkehren.
IMG_4858.JPG

Zubereitung:
Dazu ist nicht mehr viel zu schreiben weil ziemlich einfach.
Geräte:
- diverse kleine alte Kochtöpfe oder besser aufgeschnittene Getränke- oder Konservendosen, dann braucht man nicht putzen.
- Holzstäbchen zum Umrühren
- Feines Sieb, altes Teesieb, Metallfliegengitter, Baumwollsocken etc., (wegen dem Dreck im Harz)
- Wärmequelle, E-Herd, Bunsenbrenner(dann aber aufpassen wegen Feuergefahr), zu Not ging’s auch mit dem Heißluftfön
- Arbeitshandschuhe (es geht heiß her ;) )
Erstmal das Harz langsam schmelzen lassen. Dazu habe ich die Harz-Brösel in eine aufgeschnittene Getränke-Aludose gekippt und auf meinen Werkstatt-E-Herd bei mittlerer Stufe eingeschmolzen. Alu-Dose deshalb, damit ich das klebrige Zeug drinnen lassen kann und nichts putzen muß. (siehe Foto)
IMG_4856.JPG

Nachdem das geerntete Harz so einigermaßen flüssig war habe ich einen Teil davon durch ein feines Sieb (Rest von Fliegengitter aus Alu, alter Baumwollsocke udgl.) in das eigentliche Wachskochgefäß gelehrt.
Dort werden dann dem flüssigen Harz 10 Volumenteileteile Bienenwachs beigegeben. Wenn nach oftmaligem Rühren alles gleichmäßig flüssig ist, kommt noch 1 Teil Öl dazu. Noch ein wenig rühren, dann kann die Mischung in Form gegossen werden.

Die Formen:
Soll nur ein Tipp sein. Ich habe mich entschieden, zwei Sticks und den Rest als Klumpen zu gießen. Für die Sticks habe ich ein Stück Papier zweimal um einen halben Weinkorken zu einer Röhre gerollt und mit Malerkrepp umwickelt (das bleibt auch drauf) Für den Rest habe ich aus normaler Haushalts-Alufolie (2x gefaltet = 4 Lagen) eine kleine Schale gemacht.

Ergebnis:
Nachdem das Wachs in den Formen erkaltet war konnte ich mich über herrlich riechendes, geschmeidiges und trotzdem einigermaßen klebriges Sehenwachs freuen. (Foto ist wohl nicht notwendig)

Viel Spaß beim „Nachkochen“

Klaus
Zuletzt geändert von klaus1962 am 16.09.2010, 21:10, insgesamt 2-mal geändert.
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moc
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von moc » 31.05.2010, 13:55

Find ich gut.

Vielen Dank Klaus, für den ausführlichen Bericht.




moc
Ordnung ist, wenn man weiß, wo man gar nicht erst suchen muss!

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Firestormmd
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von Firestormmd » 31.05.2010, 13:56

Vielen Dank für den sehr ausführlichen und verständlichen Bericht! Selbst ein absoluter Laie kann sich nun das Sehenwachs selbst herstellen. Vorbildlich! Dieser Bericht muss unbedingt im neuen Forum in die Wie-wird-es-gemacht-Ecke.

Hast du eigentlich das Harz etwas "köcheln" lassen, damit die unerwünschten Bestandteile verdampfen? Vermutlich nicht, denn ein gewisser Anteil Terpentinöl gehört ja eh ins Rezept. Ist ja Quatsch den erst rauszudestilieren, nur damit man ihn später wieder hinzugibt.

Auf jeden Fall ist es viel einfacher, als ich es mir vorgestellt habe.

Grüße, Marc

PS: Bei deiner Menge hätte deine Fraun nicht knausrig sein müssen mit dem Walnussöl.
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Ravenheart
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von Ravenheart » 31.05.2010, 14:16

Vielen Dank für diese schöne und interessante Folge von

Der Sendung mit dem Klaus!   :D :D :D

 
  (o)(o)--.
  \. ./  (  )
m \/ m--m'\_____

Rabe
Zuletzt geändert von Ravenheart am 31.05.2010, 14:50, insgesamt 1-mal geändert.

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klaus1962
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von klaus1962 » 31.05.2010, 14:27

Freut mich, wenn euch sowas gefällt!  :)

Gruß
Klaus
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walta
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von walta » 31.05.2010, 14:58

olivenöl extra vergine hoffe ich - man gönnt sich ja sonst nichts

:-)

grüsse
walta
----------------
bitte mehr von der sendung mit dem klaus :-)

Grachus
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von Grachus » 31.05.2010, 15:00

Super Anleitung!!!

Sehr einfach und klasse!
Ich musste während des Lesend immer an die Sendung mit der MAus Musik denken :)

Mfg
Grachus
Von all den Sachen die ich verloren habe, war mein Verstand wohl das Wertvollste - Mark Twain

Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht
-Johann Wolfgang von Goethe

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locksley
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von locksley » 31.05.2010, 15:03

Gut und anschaulich erklärt, Klaus. Danke.
Ein grosser Mann wird weder vor dem Kaiser kriechen, noch einen Wurm zertreten (Benjamin Franklin)

Wenn das Atmen schwieriger waere, haetten wir weniger Zeit um Unsinn zu reden.

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd (Sprichwort)

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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von Erzebaer » 31.05.2010, 16:52

wirklich großartig beschrieben. Das schreit ja nach nachmachen. Danke!

FBy
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von FBy » 31.05.2010, 17:09

Da lacht das Herz des Hobbykochs....
Absolut klasse und verständlich !!!
Danke
"Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius Null  - und das nennen sie ihren Standpunkt."
Albert Einstein

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Tarmes
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von Tarmes » 31.05.2010, 17:21

Danke, werde glei mal bei Gelegenheit bruzeln.

Baerli
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Galighenna
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von Galighenna » 31.05.2010, 18:37

Ja Klaus
prima Anleitung.

Ich habe mein Sehnenwachs auch schon selber gemacht und das war sogar eigentlich noch ein bischen einfacher.
Du hast ja einfach Bienenwachs (genau wie ich) genommen und statt Kolophonium einfach Baumharz rein getan. Genauso hab ich das auch gemacht. Ich hab allerdings das Öl weggelassen.

Meine kleine Wachskugel ist durch das Kolophonium äusserst klebrig. Ich hätte Angst gehabt, das das Öl die Klebekraft verringert, denn Speiseöl ist nicht das selbe wie Terpentinöl.
Meiner Meinung nach würde das Pflanzenöl eine Art "Gleitschicht" erzeugen die die Klebekraft verringern würde.
Ist dein Wachs trotz des Öles sehr klebrig? Meins Bappt wie hulle an allem möglichen.

Mein Wachs ist jetzt nicht Butterweich, aber es lässt sich durch reiben an der Sehne einfach verteilen und es gelangt auch zwischen die Sehnenfasern wenn man es ein wenig mit den Fingern einmassiert.
Übel übel sprach der Dübel,
als er elegant und entspannt
in der harten Wand verschwand

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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von tipiHippie » 31.05.2010, 21:40

Tolle Beschreibung Klaus.

Dein Vorrat wird ja wohl ne Weile reichen; wenn er alle ist mach Dir neues aus "texanischem Wüstenbienenwachs" und lass alle mal riechen ;D
>>>=====> HUGH ich habe gepostet

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klaus1962
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von klaus1962 » 31.05.2010, 22:02

@Galighenna
Nö! seeeehr klebrig wäre übertrieben. Eine Konsistenz ist halt schwierig zu beschreiben.
Es ist grifffest (etwa so wie Emmentaler), aber bei leichter Erwärmung zwischen den Finger wird es schnell weich wie Kaugummi und läßt sich leicht einmassieren.
Aber da könnte man noch ein wenig mit den Mischungsverhältnissen experimentieren. Mehr Harz dann klebt's mehr.

Gruß
Klaus
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acker
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Re: Sehnenwachs Experiment geglückt

Beitrag von acker » 31.05.2010, 22:34

Also.... ::) ja ja ... ich habs auch schon getestet. ;D
Ich hab etwas mehr Öl und etwas mehr Harz genommen.
Jeweils etwa die doppelte Menge.
Es ist fest wie kalte Butter und klebt wie hulle etwas zuviel evtl sogar zumindest bekommt man es schlecht von den Fingern .
Also ich würde es eher so lassen wie Klaus es gemischt hat.
Wer es weicher mag , packt einfach mehr Öl rein.

Gruß acker
Der junge Mensch lernt, was die Erwachsenen wissen und verlernt was er als Kind gewusst hat.

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