@ Lord Bane
Original geschrieben von Lord Bane
Ich habe mich mit dem Bild geirrt. Es war ein Schwarz-Weiß-Foto. Die ISBN-Nummer lautet von dem besagten Buch:3-572-01058-6. Das Ganze war auf seite 37 abgebildet und das Buch war relativ jung (als eines von wenigen).
Vielen Dank noch einmal für den sehr interessanten Buch-Tipp. Heute war ich in der Stadtbibliothek und habe mir das von Dir genannte Buch von Ernst Probst "Deutschland in der Steinzeit" ein wenig durchgeschaut. Dabei bin ich dann auf folgende Dinge gestoßen:
1.) Das besagte schwarz/weiß Foto auf Seite 37 mit der folgenden Bildunterschrift:
"Wurfversuch eines verkleideten Prähistorikers mit einer nach Originalfunden aus dem Magdalénien (vor etwa 15.000 bis 12.000 Jahren) rekonstruierten Speerschleuder. Länge der verwendeten Speerschleuder 0,65 Meter, Länge des Speers 1,60 Meter."
Mit der Wurftechnik die auf dem Bild dargestellt wird ist es meiner Meinung nicht möglich einen gezielten Wurf anzubringen. Die Darstellung auf dem Foto passt eher zu einem neuzeitlichen Leichtathleten beim olympischen Speerwerfen, aber mit dieser Technik einen Speer mit der Speerschleuder zu werfen ist einfach lächerlich. Der Oberarm ist viel zu weit hinten und viel zu weit vom Oberkörper entfernt, ergo natürlich auch der Unterarm. Der Abwurfwinkel den der Speer beschreibt weist auf einen ballistischen Weitwurf hin. Wenn man aber unter realistischen, jagdlichen Bedingungen mit der Speerschleuder ein Beutetier erlegen will, dann kann man die Speerschleuder eigentlich nur bis zu einer Distanz von ca. 30 Metern als Jagdwaffe nutzen. Von einer authentischen Nutzung der Speerschleuder durch einen "Prähistoriker" kann hier überhaupt nicht die Rede sein.
2.) Auf Seite 36 des gleichen Buches gibt es noch etwas nettes wissenswertes zur Speerschleuder zu lesen:
"Vor mehr als 18.000 Jahren im Solutréen kamen in Frankreich die ersten Speerschleudern (s.S. 93) auf. Mit dieser Fernwaffe wurde der Arm des Werfers künstlich verlängert, wodurch sich der Beschleunigungsweg, die Abwurfgeschwindigkeit und die Durchschlagkraft des Speeres erhöhten. Der älteste Rest einer Speerschleuder wurde im französischen Fundort Combe Saunière in der Dordogne entdeckt.
Na, wer hat den Absatz jetzt aufmerksam gelesen? Hier wird nur von Resten einer Speerschleuder gesprochen und damit sind die aus Rentiergeweih oder Knochen angefertigten Hakenenden der Speerschleudern gemeint. Holzfunde gibt es leider nicht weil alles mit der Zeit über die Jahrtausende verrottet ist. Funde von Speeren gibt es auch keine, allerdings wurden Speerspitzen gefunden und solche Pfeilfragmente die einfach zu groß waren um mit dem Bogen verschossen zu werden. Hier ist man dann davon ausgegangen, das es sich um Pfeilfragmente von Speeren handelt die mit der Speerschleuder geworfen wurden.
Aber es wird noch spannender.... schauen wir doch mal auf die Seite 93.
3.) Manchmal reicht es einfach nicht, sich ein hübsches Foto in einem schönen, schlauen, dicken Buch anzuschauen. Dicke Bücher haben meistens auch ein wenig Text den man sich genau durchlesen sollte.
So jetzt aber weiter mit dem Inhalt von Seite 93.
Auszug aus dem Buch "Deutschland in der Steinzeit" Seite 93, Spalte 2, Absatz 2:
"Die Magdalénien-Leute erlegten vor allem Rentiere und Wildpferde. Dabei setzten sie die Speerschleuder (s.S. 36) und die Harpune ein. Mit der Speerschleuder konnte man Geschosse mit großer Durchschlagkraft auf Beutetiere lenken.
Die Speerschleuder bestand aus einem bis zu 30 oder 40 Zentimeter langen hinteren Teil aus Rentiergeweih mit einem Widerhaken am Ende und einem mindestens ebenso langen Holzschaft. Bisher hat man nur Reste der widerstandsfähigeneren Speerschleuderenden gefunden. Aus dem gesamten Jungpaläolithikum sind gegenwärtig etwa 125 Hakenenden von Speerschleudern bekannt, von denen die meisten aus dem Ende des Magdalénien stammen.
Beim Wurf auf ein Wildtier hielt der Jäger die Speerschleuder in der weit nach hinten gestreckten Hand, wobei der Widerhaken hinten lag und nach oben ragte. Das Wurfgerät verlängerte auf diese Weise den rechten Arm und somit dessen Hebelkraft. Der Wurfspeer ruhte mit seinem Ende auf der Speerschleuder und wurde vom Widerhaken sowie - zusammen mit der Speerschleuder - von der Hand des Jägers gehalten. Beim Schuß schnellte der Arm mitsamt Speerschleuder und Wurfspeer nach vorne, wobei sich das Geschoß löste und mit Wucht in Richtung des Beutetiers flog.
Experimente des Kölner Prähistorikers Ulich Stodiek mit rekonstruierten Speerschleudern haben gezeigt, daß mit längeren Speeren von etwa 2 bis 2,20 Meter Länge und 10 Zentimeter Dicke bei Zielwürfen eine bessere Trefferquote erzielt wurde als mit kürzeren Geschossen von nur 1,20 bis 1,50 Meter Länge. Die kürzeren und leichteren Speere konnten dagegen viel weiter als die längeren geworfen werden."
So... wem ist bei diesem Auszug etwas aufgefallen? Ja, genau... "2 bis 2,20 Meter lange Speete mit einem Durchmesser von 10 Zentimetern"; hier muss es sich um einen Druckfehler handeln, denn gemeint ist sicherlich ein Durchmesser von 10 Millimetern, denn ich möchte mal den jenigen sehen der so einen Stamm 2 Meter lang und 10 cm im Durchmesser mit der Speerschleuder schießt :-)
Schade das es hier in Europa keine Funde bezüglich der Speerlänge gibt, aber in der Praxis haben sich eben halt lange Speere - ab 2 Meter - durchgesetzt und sind die erste Wahl wenn man gute Zielwürfe hinbekommen möchte.
Was nützt mir ein kürzerer, leichter Speer den ich zwar weit werfen kann, aber wo letztendlich die Zielgenauigkeit auf der Strecke bleibt?
Die Speerschleuder ist eine steinzeitliche "Jagdwaffe" mit der man seine tägliche Nahrung erlegte und wenn man abends etwas leckeres auf dem Feuer haben wollte, dann musste die Jagdwaffe so abgestimmt sein das man auch treffsicher das Jagdwild erlegen konnte. Der Mensch ist und war ein Perfektionist. Warum also sollten sich die Leute in der Steinzeit mit suboptimalen Jagdwaffen - spriche kurze Speere - zufrieden geben?
Gruß
Uwe